Wengen, Schweiz – Die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen ist nicht nur für die Athleten eine der größten Herausforderungen im Ski-Weltcup, sondern auch für die Übertragungsteams. Wenn am Samstag die weltbesten Abfahrer um Hundertstelsekunden kämpfen, ist ein Mann besonders im Fokus, der die Strecke wie kaum ein anderer kennt: Beat Feuz. Der dreifache Lauberhorn-Sieger ist in diesem Jahr als Ski-Experte für SRF im Einsatz und übernimmt dabei eine Rolle, die immer mehr an Bedeutung gewinnt: die der Live-Kamerafahrt.
Die neue Herausforderung: Kamerafahrt ohne Stützen
Beat Feuz, der Emmentaler, der seine Karriere mit drei Siegen auf dieser legendären Piste krönte, kehrt in anderer Funktion an den Start zurück. Seine Aufgabe ist es, den Zuschauern die Strecke aus nächster Nähe zu präsentieren – eine technisch anspruchsvolle Aufgabe, die höchste Konzentration erfordert. „Das Kribbeln ist eher da, wenn es darum geht, ob es aus technischer Sicht funktioniert“, gibt der 38-Jährige im Gespräch mit 20 Minuten zu Protokoll und lacht.
Die Vorbereitung für diese Kamerafahrten ist minutiös. In Wengen, wo er oft mit Kollegen wie Marc Berthod oder Felix Neureuther unterwegs ist, muss jedes Detail mit dem Übertragungswagen abgesprochen werden. „Gerade in Wengen, wenn man zu zweit – letztes Jahr sogar zu dritt – unterwegs ist“, erklärt Feuz. Der Zeitdruck ist enorm: Die Fahrt findet um 12:15 Uhr statt, die Ausstrahlung erfolgt bereits um 12:25 Uhr. In diesen zehn Minuten müssen alle technischen und kommunikativen Abläufe sitzen.
Fokus auf Technik und Emotion
Die größte Herausforderung liegt darin, gleichzeitig das Skifahren zu meistern und die Kommentarfunktion zu übernehmen. „Logisch, man muss sich schon auf die Fahrt konzentrieren, sonst wird es gefährlich“, betont Feuz. Hinzu kommt die Dynamik der spontanen Kommentare. Obwohl es einen Plan gibt, wer wann spricht, wird dieser Plan oft über den Haufen geworfen. Emotionen führen dazu, dass plötzlich der vordere Fahrer spricht, obwohl der hintere kommentieren sollte. Diese unvorhersehbaren Momente machen die Live-Übertragung authentisch, stellen die Fahrer aber vor zusätzliche Kontrollelemente.
Die Premiere: Skifahren ohne Skistöcke
In diesem Jahr steht Feuz vor einer ganz besonderen Premiere, die er von seinem Kollegen Marc Berthod inspiriert hat. Während Berthod in Adelboden mit einer Kombination aus Helmkamera und Smartphone für Social-Media-Zwecke für Aufsehen sorgte, geht Feuz einen Schritt weiter in Sachen technischer Anpassung: Er wird die Lauberhorn-Abfahrt zum ersten Mal ohne Skistöcke bestreiten.
„Für mich wird das eine Premiere. Berthod hat das letztes Jahr auch gemacht. Es ist sicher eine Challenge“, so Feuz. Der Grund: Er hält eine zusätzliche Kamera in der Hand, um noch bessere Perspektiven einfangen zu können. Ohne die Stöcke muss die Balance komplett über Körper und Kanten gehalten werden, was bei den hohen Geschwindigkeiten und den extremen Neigungen der Lauberhornpiste eine zusätzliche Schwierigkeit darstellt.
Obwohl die Geschwindigkeit nicht rennmässig sein muss, ist die Präzision entscheidend. Feuz schätzt seine eigene Fahrzeit realistisch ein. Bei der Ski-WM in Saalbach erhielt er Feedback, dass er etwa zehn bis zwölf Sekunden hinter der Bestzeit lag. „Also den langsamsten Fahrer hätte ich sogar noch geschlagen!“, fügt er schmunzelnd hinzu.
Brenzlige Momente im Zielhang
Trotz der vermeintlich „langsameren“ Kamerafahrten gab es in der Vergangenheit bereits brenzlige Situationen. Feuz erinnert sich an das letzte Jahr in Wengen, als das Team im Schlussteil in Zeitverzug geriet. „Das Ziel kam immer näher und näher. Dann habe ich vor dem Ziel-S Felix Neureuther noch knapp überholt.“ Solche Manöver, bei denen Überholmanöver im letzten Moment stattfinden müssen, zeigen, dass selbst im Expertenmodus die Adrenalinspiegel hoch sind.
Die Kamerafahrten von Beat Feuz sind mittlerweile ein fester und beliebter Bestandteil der Lauberhorn-Übertragung. Sie bieten den Zuschauern eine seltene und intime Perspektive auf die eisige Piste, die nur jemand mit Feuz’ Erfahrung bieten kann. Während die Athleten am Samstag um 12:30 Uhr live um den Sieg kämpfen, liefert Feuz bereits um 12:15 Uhr die erste spannende Live-Action – diesmal mit einer Hand mehr beschäftigt als gewohnt.